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 Gespräche     
  Bregenzer Festspiele 19.01.2007 
Bild n/1090 La Bohème
© Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Bild n/1089 Ulf Schirmer
© Bregenzer Festspiele / Karl Forster
Tosca von Giacomo Puccini

Am Anfang stand er der Technik in Bregenz eher skeptisch gegenüber, doch im Lauf der Jahre ist die Skepsis einer unverhohlenen Faszination gewichen: Ulf Schirmer hat nicht nur bereits vier Mal das Spiel auf dem See dirigiert, er fungierte auch als Initiator und künstlerischer Berater des neuen Soundsystems BOA (Bregenz Open Acoustics). Mit Babette Karner sprach er über räumlichen Orchesterklang, Opernmusik im Cinemascope-Format und die Bodenseekrankheit

Babette Karner : Sie haben in den letzten Jahren als kĂĽnstlerischer Berater einen entscheidenden Part in der Entwicklung des neuen Soundsystems BOA auf der SeebĂĽhne gespielt. Was war Ihre Motivation, an so einem Projekt mitzuarbeiten?

Ulf Schirmer: Vor einigen Jahren, als feststand, dass David Pountney der neue Intendant der Bregenzer Festspiele werden würde, war das für mich ein Anlass, darüber nachzudenken, was ich in all den Jahren während der Intendanz Alfred Wopmanns mit dem Bregenzer Soundsystem erlebt habe. Am Anfang stand eine ganz persönliche Skepsis, denn ich war eigentlich sehr konservativ geprägt, als ich mit Der Fliegende Holländer 1989 zum ersten Mal das Spiel auf dem See dirigiert habe. Doch dann habe ich gemerkt, dass die Festspiele eine ganz eigene Dynamik haben und in der Entwicklung der Tontechnik immer schon voran waren. Ich habe also all das Revue passieren lassen und versucht, mir als Künstler und Musiker vorzustellen, was die Festspiele tun müssen, um auch in Zukunft die Nase vorn zu haben. Mir wurde klar, dass es inzwischen vor allem im Bereich der Popmusik entscheidende technologische Entwicklungen gegeben hat, die uns auch beim Spiel auf dem See enorm helfen könnten. Ich habe dann David Pountney vorgeschlagen, unter anderem mit dem Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie Kontakt aufzunehmen, wo Professor Brandenburg, der Erfinder des MP3-Formats, schon seit längerem an der Entwicklung des dreidimensionalen Hörens forscht. Das war der Auslöser für BOA.

Nun ist die technische Funktionsweise von BOA recht kompliziert – haben Sie da mit der Zeit auch mehr Einblick bekommen?

Ulf Schirmer: Das wird Außenstehende jetzt vielleicht etwas verwundern, aber ich bin in allen Sitzungen und Besprechungen zum Thema BOA nur als Künstler an die Dinge herangegangen. Auch beim vorläufigen Sounddesign für Tosca. Ausgehend von der Partitur und von meiner inneren Vorstellungskraft versuche ich zu erläutern, wie ich mir etwas wünsche. Das heißt, ich führe mit Sounddesigner Professor Wolfgang Fritz und der Mannschaft der Bregenzer Festspiele intensive Gespräche, die sich aber stets darum drehen, was ich hören möchte, von wo ich es hören möchte, welchen Charakter das Ganze haben soll. Von den technischen Dingen verstehe ich nichts. Aber ich bin auch während den Proben auf der Seebühne, wenn ich die Sänger höre oder wenn der Assistent dirigiert, immer am Fantasieren und am Überlegen, wie wir den Klang noch dichter, tiefer, schöner und größer machen könnten.

Es ist bei einem solchen Projekt also sehr wichtig, dass es jemanden gibt, der einfach nur hinhört.

Ulf Schirmer: Auf jeden Fall. Ich habe das während der Wopmann-Ära gelernt. indem ich viele Stunden am See gesessen bin, auch außerhalb der Proben, und versucht habe, innerlich zu hören und mir vorzustellen, was ein Optimum an Klang auf der Seebühne sein könnte. Ich mache das immer noch. Bei Spaziergängen am Bodensee kommen mir oft Ideen, die dann aber teilweise technisch nicht umsetzbar sind. Dann bremsen mich Professor Fritz und die beiden Tontechnik-Leiter Rudi Illmer und Alwin Bösch wieder ein (lacht). Doch hier in Bregenz hat alles einen sehr fantasievollen Ansatz, man kann über alles sprechen, und das schätze ich sehr.

Wie wird Ihnen dieses Hinhören während der Proben für Tosca gelingen?

Ulf Schirmer: Schon vor zwei Jahren haben wir ein völlig neues Konzept entwickelt, dass wir bei der Tosca nun erstmals ausprobieren werden: Die Bregenzer Soundmannschaft wird bereits meine Orchesterproben mit den Symphonikern in Wien unter den gleichen Bedingungen aufnehmen, wie sie auch in Bregenz herrschen, wenn die Verstärkung benutzt wird. Mit diesem Tonmaterial werde ich dann mit den Tontechnikern abseits der szenischen Proben auf der Seebühne die Anlage einrichten. Wir gewinnen dadurch sehr viel Zeit, weil ich nicht erst die Bühnenorchesterproben oder das Dirigat eines Assistenten abwarten muss, sondern die Anlage schon Wochen vorher nach meinen Vorstellungen justiert werden kann.

Eine Art Testlauf für Tosca war 2006 das Konzert Hollywood am See, bei dem Sie die Wiener Symphoniker auf der Seebühne dirigiert haben. Wie wird sich das Hörerlebnis für die Besucher bei Tosca ändern?

Ulf Schirmer: Bei Hollywood am See habe ich, um es vereinfacht auszudrücken, damit begonnen, die Spieltechnik der Streicher, aber auch der Bläser auf die Möglichkeiten der Anlage abzustimmen. Nun gebe ich mich natürlich nicht der Illusion hin, dass so eine Anlage das Musizieren eines Orchesters exakt abbilden kann: Wir musizieren bei den Seeaufführungen immer für das Medium. Diese Erkenntnis ist sehr wichtig, um die Seebühne sozusagen optimal ins Schwingen zu bringen. Außerdem sitze ich mit Professor Fritz schon seit 2005 an einem Sounddesign für Tosca, das – den Regeln des Theaters widersprechend – versucht, im Zuschauerraum der Seebühne teilweise ein räumliches Orchesterhören zu erzeugen. Das bedeutet, dass die Zuschauer etwa einzelne Orchestergruppen räumlich orten können, so als säßen sie in einem gigantischen Orchesterraum. Dieser Prozess ist aber noch lange nicht abgeschlossen.

MĂĽssen Sie in Ihrer Arbeit als Dirigent fĂĽr Bregenz in gewisser Weise umdenken?

Ulf Schirmer: Ja, es ist ein Umdenken, allerdings ein langsames, eines das über Jahre hinaus wächst – ein kontinuierlicher Prozess. Wäre ich mit den Möglichkeiten dieser Anlage schlagartig konfrontiert gewesen, hätte mich das wohl überfordert. Das wäre jedem so gegangen. Und natürlich findet dieser Prozess nicht alleine in meinem Kopf statt, sondern beruht auf einem Miteinander: Ich mache Vorschläge und wir probieren aus. Das Wunderbare ist, dass solche Konzepte in Bregenz immer in aller Freiheit diskutiert werden können, angefangen beim Intendanten über die Tontechniker bis hin zur Regie. Denn der Klang muss ja auch mit der Szene korrespondieren und soll helfen, diese plastischer und noch wirksamer zu machen.

BOA ist ja noch in der Entwicklungsphase. Tosca ist das erste Spiel auf dem See, dessen Sounddesign auf die neue Anlage ausgelegt ist.

Ulf Schirmer: Ich träume schon lange davon, dass die Tonanlage zu einem ebenso integralen Bestandteil der Vorstellung wird wie das Licht. Niemand käme auf die Idee zu kritisieren, dass das Light Design bei der Wahrnehmung einer Aufführung eine entscheidende Rolle spielt. Beim Sound hingegen ist man bis jetzt mit der Verstärkung immer ein wenig verschämt umgegangen, als wäre diese eine bloße Krücke. Das ist sie nicht: Die Verstärkung ist ein eigenes Instrument.

Liegt das auch daran, dass Oper einfach immer noch das Prädikat „Hier wird nicht verstärkt“ trägt?

Ulf Schirmer: Ja, wobei das so ja gar nicht mehr stimmt. Ich will keine Namen nennen, aber wir alle wissen, dass es eine ganze Reihe von großen Opernhäusern gibt, die bereits unauffällig die Bühne verstärken, und dennoch so tun, als geschähe das nicht. Solche Halbheiten gibt es in Bregenz nicht: Ohne Verstärkung wäre das Spiel auf dem See gar nicht möglich und deshalb hat hier auch niemand ein mentales Problem damit. In Bregenz stellt sich uns immer nur die Frage, wie wir diese Verstärkung für den Hörer optimal einsetzen können, um das Geschehen auf der Bühne noch aufregender und plastischer zu machen.

Ich bin wegen Bregenz und BOA sogar extra ins Kino gegangen und habe mir Filme wie Star Wars angesehen, um zu wissen, was es im Kino so an speziellen Effekten gibt. Aber was die Musik betrifft, sind diese Filme alle viel altmodischer als Bregenz: Da pfeifen Dolby Surround-Effekte durch den Raum, doch das Orchester spielt einfach von der Leinwand her. Ich habe mich gefühlt wie in einem Theater des 19. Jahrhunderts! In Bregenz versuchen wir hingegen, in Zukunft eine Art „Dolby Surround Orchesterklang“ zu erreichen. Noch wissen wir nicht, wie weit wir damit gehen können, aber das Ziel ist klar fixiert: Dass die Zuschauer irgendwann im Klang sitzen. Damit betreten wir absolutes Neuland, und das ist einfach wunderbar!

Tosca gilt als „Orchesteroper“. Das Orchester wird bisweilen sogar als „vierter Protagonist“ neben den drei Hauptfiguren Tosca, Cavaradossi und Scarpia beschrieben. Was bedeutet das?

Ulf Schirmer: Puccinis Orchestermusik für Tosca geht in Richtung des „Metro-Goldwyn-Mayer-Ideals“: Die Partitur ist sozusagen Musik im Cinemascope-Format. Gerade dieser Aspekt war es, der mich Intendant Pountney Tosca als Spiel auf dem See vorschlagen ließ, nachdem ich lange darüber nachgedacht hatte, mit welcher Partitur man die enormen Möglichkeiten der BOA-Anlage am besten ausschöpfen könnte. Außerdem gibt es in Tosca noch eine weitere wichtige Ebene – die Effekte. In kaum einer Partitur gibt es so viele akustische Handlungselemente wie in der Tosca: Das reicht von Kirchenglocken bis zu Kanonenschüssen. Damit soll aber keine billige Effekthascherei betrieben werden, sondern wir wollen versuchen, diese Elemente im Sinne einer psychischen Vertiefung der Handlung einzusetzen. Wir arbeiten schon seit über einem Jahr daran, Effekte mit ganz anderen technischen Möglichkeiten zu erzeugen als denjenigen, die wir bisher hatten.

Sie haben es bereits erwähnt – die Musik für Tosca wirkt tatsächlich wie Filmmusik.

Ulf Schirmer: Stimmt. Interessanterweise habe ich gerade selbst die erste Filmmusik meines Lebens eingespielt – für den Film Herr Bello mit Armin Rohde – und dabei unter anderem gelernt, dass Filmmusik im Stile der Tosca heute von den Filmgesellschaften rundweg abgelehnt werden würde. Warum? Weil sie zu emotional ist. Die Filmmusik unserer Tage ist eher „flächig“, sie darf ein Gefühl nur leicht unterstützen, soll aber nicht Träger dieses Gefühls sein. In Tosca ist das ganz anders: Hier ist das Orchester beinahe ein autarker Körper, ein Wesen, das die Sänger trägt, und das eine unglaubliche Emotionalität verströmt. Damit würde man heute beim Film durchfallen. Auf heutige Verhältnisse übertragen haben wir es bei Tosca also eben nicht mit Filmmusik zu tun, sondern mit großer Oper. Filmisch ist Puccinis Musik aber allemal – aber eben filmisch im Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Kommen wir noch einmal an den Anfang ihrer Karriere in Bregenz zurück. Wie kamen Sie 1989 für den Fliegenden Holländer an den Bodensee?

Ulf Schirmer: Der damalige Intendant Wopmann war immer unterwegs, um sich junge Dirigenten anzusehen. Und so kam er zu mir nach Wiesbaden, in eine Vorstellung des Rosenkavalier. Gleich danach hat er mir gesagt, dass ich in Bregenz arbeiten sollte. Und ich wusste nicht mal, wo das überhaupt liegt (lacht). Am ersten Probentag habe ich mir die Seebühne schon morgens um sechs angeschaut. Ich bin am See entlanggegangen, habe alles aus der Ferne studiert und konnte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Dann kam ich zu den ersten Proben und bin, auch typisch für Bregenz, erst einmal krank geworden. Ich lag mehr auf der Probe, als dass ich dirigierte, bis Wopmann kam und meinte: „Herr Schirmer, Sie gehen jetzt nach Hause!“ Aber das war einzige Mal, dass mich die Bodenseekrankheit erwischt hat, seither bin ich immun (lacht). Heute ist Bregenz für mich nicht nur ein unverzichtbarer Bestandteil meines künstlerischen Werdegangs; meine Tätigkeit hier hat auch meine Entwicklung, was das Denken über Musik angeht, entscheidend beeinflusst. Bregenz hat sich was Tontechnik angeht, weltweit an die Spitze entwickelt. Aber auch der Tatsache, dass auf der Seebühne für zigtausend Zuschauer anspruchsvolles Theater gemacht wird, dürfte weltweit einzigartig sein. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich zu all dem beitragen durfte und nun mit BOA auch den nächsten Schritt mitinitiieren konnte.

Der deutsche Dirigent Ulf Schirmer übernahm in Bregenz bereits die musikalische Leitung der Opern Der fliegende Holländer, Nabucco, Fidelio, La Bohème, Griechische Passion und Maskerade und dirigierte Orchesterkonzerte mit den Wiener Symphonikern. Er studierte bei György Ligeti, Christoph von Dohnanyi und Horst Stein und war Assistent von Lorin Maazel und Hausdirigent an der Wiener Staatsoper. 1988-91 war er Generalmusikdirektor in Wiesbaden, von 1995-98 Chefdirigent des Dänischen Radio Sinfonie Orchesters. Seit Herbst 2006 ist er künstlerischer Leiter des Münchner Rundfunkorchesters. Schirmer gastierte unter anderem bei den Salzburger Festspielen, an der Pariser Bastille, der Mailänder Scala, der Deutschen Oper Berlin und der Oper Leipzig.
© Babette Karner 2006

  Sonstige Informationen

BOA - Ein neues System der Akustischen Raumsimulation

Gemeinsam mit ihren Partnern, dem Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie und der Lawo AG, haben die Bregenzer Festspiele seit Sommer 2005 für die Seebühne ein völlig neues System der akustischen Raumsimulation entwickelt, das Besuchern des Spiels auf dem See ein weltweit einzigartiges Klangerlebnis unter freiem Himmel bietet.

Hinter dem Namen BOA - Bregenzer Open Acoustics - verbirgt sich eine entscheidende Weiterentwicklung des in Bregenz so erfolgreich praktizierten Richtungshörens, bei dem die Hörer sowohl die Position als auch die Bewegung von Solisten und anderen Tonquel.len exakt akustisch wahrnehmen und verfolgen können. BOA vernetzt Richtungshören, Effektbeschallung und die neue Raumsimulation nach dem Prinziep der Wellenfeldsynthese (IOSONO) des Fraunhofer-Instituts schrittweise mit dem Ziel der völligen Integration. Schlussendlich soll auf de Bregenzer Seebühne ein "Klangdom" entstehen - ein Instrument, das es dem Dirigenten erlaubt, klanglich, künstlerisch und dramaturgisch agieren zu können. "Wir wollen den Zuhörer mehr in das Geschehen einbinden, damit er nicht nur mehr Außenstehender ist, sondern mit in das Stück verwoben werden kann", erklärt Sounddesigner Wolfgang Fritz, "gleichzeitig wollen wir den Besuchern auch ein besseres Hören ermöglichen, durch Möglichkeiten der Raumsimulation, aber auch durch eine Verbesserung des Richtungshörens."

Weitere Informationen zum Programm der Bregenzer Festspiele finden Sie hier.

Quelle: Zeitung der »Bregenzer Festspiele«, Jahrgang 15, Dezember 2006, Nummer 58




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